Deutschland ohne Rückfahrkarte – Reise zu fremden Eltern

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Deutschland ohne Rückfahrkarte – Reise zu fremden Eltern

Ein Film von Tina Radke-Gerlach

Länge: 55 Minuten

Etwa 25000 Paare bewerben sich jährlich in Deutschland um eine Adoption. Doch nur für jedes siebte von ihnen erfüllt sich der Wunsch. Fast alle dieser Paare sind unfreiwillig kinderlos. Die Zahl der Auslandsadoptionen nimmt ständig zu. Jedes Jahr reisen 700-850 adoptierte Kinder nach Deutschland ein. Da ist von ‘dritter Wahl’ die Rede, von illegalen, kommerziellen und kriminellen Geschäften mit Kindern. Die Medien stürzen sich mit Vorliebe auf schockierende Geschichten unseriöser Praktiken, die nach Aussagen von Fachleuten aber nur einen Bruchteil der Auslandsadoptionen ausmachen. Was ist mit den seriös abgewickelten Adoptionen? Paare, die die deutsche Bürokratie durchlaufen haben und mit dem ‘Eignungsbericht’ eines Jugendamtes losziehen, um sich ganz legal dem Adoptionsparcours im Ausland zu stellen?

Die Dokumentation hält in Tagebuchaufzeichnungen den beschwerlichen und langwierigen Weg der Adoption von Viola und Jan Hahn aus Bremen fest. Sie sind beide 33 Jahre alt, von Beruf Mediziner und seit sechs Jahren verheiratet. Am Beispiel ihrer sehr persönlichen Geschichte versucht der Film eine überzeugende Antwort auf die in Zusammenhang mit Auslandsadoptionen immer wieder auftauchenden kritischen Fragen zu geben. Angefangen bei den leidvollen Erfahrungen, die im Zusammenhang mit der ungewollten Kinderlosigkeit stehen. Dem Schmerz über die Unfähigkeit ein Kind zu zeugen. Den jahrelangen erfolglosen Versuchen in den Mühlen der Reproduktionsmedizin. Der Sehnsucht nach einem Kind, die das Leben zu bestimmen droht. Den Gesprächen mit  Jugendamt und Psychologen. Der Entscheidung zur Adoption, aus der neue Hoffnung, Lebensmut und Kraft erwachsen, um den Weg durch den Dschungel der Bürokratie zu wagen.

Eine Hoffnung, die nach einem traurigen Zwischenfall beinahe wieder zunichte gemacht wird. Im Mai 1999 wird Viola und Jan überraschend ein neugeborenes deutsches Baby zugesprochen, das von den Eltern zur Adoption freigegeben wurde. Acht Tage halten sie sich nun fast durchgehend im Krankenhaus auf, um die erste intensive Bindung zu ihrem künftigen Sohn Benjamin aufzubauen. Dann der tragische Anruf vom Jugendamt: Die Eltern haben sich anders entschieden und die Adoptionsfreigabe zurückgezogen. Für Hahn’s folgt eine Zeit, in der jeder Optimismus zu schwinden scheint.

In szenischen Rekonstruktionen setzt die Kamera das Erlebte einfühlsam um und versucht in eindringlicher Weise die psychischen Stressituationen herauszuarbeiten. Sie ist dann dabei, wenn das Ehepaar Hahn nach Monaten wieder die Kraft findet, sich mit der seit langem geplanten Auslandsadoption in Nepal zu beschäftigen.

Nach mehreren Reisen in das Königreich Nepal ist für Viola und Jan eine enge Bindung zu dem kleinen Himalaya-Land gewachsen. Eine Auslandsadoption kommt daher nur hier für sie in Betracht. Sie engagieren sich in einem Verein, der die Waisenhäuser Nepals unterstützt und schärfen mit der Wartezeit immer mehr das Bewußtsein für die große Verantwortung und die Notwendigkeit kritischen Hinterfragens ihres Vorhabens. So bereiten sie den Boden für die Integration und Identitätsfindung ihres künftigen Kindes aus Nepal vor. Sie wissen um die möglichen Konflikte, die ihren Ursprung im seelischen Gepäck des Adoptivkindes haben. Und sie wissen auch, das ihr Kind früher oder später Nähe zur Kultur seines Herkunftslandes braucht. Nicht zuletzt, um sein Selbstwertgefühl gegen Diskriminierungen in der neuen Heimat zu stärken.

Nepal gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Jede Familie hat durchschnittlich sechs Kinder. Fast die Hälfte der Bevölkerung ist unter 15 Jahre alt. Dreizehn von einhundert Kindern überleben die ersten fünf Jahre nicht. Die Waisenhäuser sind voll mit Findelkindern, die von der Polizei auf der Straße aufgelesen wurden. Und mit Neugeborenen, deren Mütter die Krankenhäuser nach der Geburt einfach verlassen und nicht wieder auffindbar sind. Adoptionen sind in Nepal nur in Zusammenarbeit mit der staatlich kontrollierten Nepal Children Organization möglich, die im ganzen Land Waisenhäuser unterhält. Kinderhandel und andere illegale Praktiken sind heute nahezu ausgeschlossen.

Anfang März kommt für Viola und Jan die ersehnte Nachricht per Fax. Das nepalische Innenministerium hat dem Ehepaar eine acht Monate alte Tochter zugesprochen. Die Kamera begleitet die beiden bei der vielleicht spannendsten Reise ihres Lebens. Sie ist bei der ersten Begegnung mit der künftigen Tochter dabei und beobachtet, wie sich die Bindung zwischen Kind und Adoptiveltern entwickelt. Sie beschreibt die Lebenssituation der Kinder im Waisenhaus. Die Gespräche mit den Verantwortlichen. Die vergebliche Suche nach der Mutter des Kindes, um diesem später wenigstens den Namen und Wohnort mitteilen zu können. Die zahlreichen psychischen Stressituationen, bis nach Wochen der Dschungel asiatischer Bürokratie in Nepals Hauptstadt Kathmandu bewältigt ist. Und sie beschreibt die Unsicherheiten und Ängste, die sich mit überschäumender Freude und Optimismus abwechseln, und die Reise zu einem Wechselbad der Gefühle machen. Erst nach drei Wochen heißt es ” 1 x Deutschland ohne Rückfahrkarte”.

Die Spannung entwickelt sich nicht aus der Geschichte, sondern aus der Art und Weise der Erzählung. Der Zuschauer erlebt die Geschichte mit, weil die Kamera sie nicht distanziert abfilmt, sondern das Gefühl des Dabeiseins vermittelt, nah dran ist und Emotionen vermittelt. Nicht abstrakt, sondern indem zwei Menschen in den Mittelpunkt gestellt werden. Kein Überhäufen von Fakten, keine Funktionsträger vor statischer Kamera, kein Streben nach akademischer Vollständigkeit. Die Geschichte wird auf ihren Kern reduziert und thematisiert gerade dadurch das gesellschaftlich Bedeutsame.

Der Film versucht klare Antworten auf die Verunsicherung in der kritischen Öffentlichkeit zu geben. Er ist ein Plädoyer für sinnvoll geplante und ablaufende Auslandsadoptionen. Am Beispiel des Arztehepaares wird aber auch deutlich, das solche Adoptionen nicht die Lösung des Elends verlassener Kinder in der sogenannten ‘Dritten Welt’ sind. Vielmehr kann und soll die Adoption nur Nothilfe für ein einzelnes Kind sein und ist als solche auch sehr wirksam.

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