Die schöne Fremde – Von reisenden Frauenzimmern

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Die schöne Fremde – Von reisenden Frauenzimmern

Ein Film von Tina Radke-Gerlach

Länge: 55 Minuten

Waren die großen Reiseschriftsteller und Ethnographen, Entdecker und Eroberer alle Männer? Reisende Frauen des 18. und 19. Jahrhunderts sind aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden. So jedenfalls scheint es, will man der einseitigen Darstellungsweise in Geschichte, Ethnographie und Literaturwissenschaft Glauben schenken.

“Die Frauen sind aufgrund ihres Geschlechts und ihrer körperlichen Verfassung für Forschungsexpeditionen ungeeignet, und diese Spezies des weiblichen Globetrotters, die wir seit kurzem kennen, ist einer der größten Irrtümer dieses zu Ende gehenden 19.Jahrhunderts”, resümierte der Engländer Lord Curzon, als einst über die Aufnahme weiblicher Mitglieder in die Royal Geographic Society abgestimmt werden sollte. Reisen galt damals noch als eine völlig unzumutbare Beschäftigung für tugendhafte Frauen. Es wurde seit jeher als geschlechtsspezifische Tätigkeit angesehen. Die Mobilität und die rastlose Aktivität des Mannes stand gemäß gesellschaftlicher Konvention gegen das Seßhafte der Frau. Sie war dazu bestimmt, mit Geduld auf die von der Reise heimkehrenden Ehegatten zu warten.

Als  Frau “fremd zu gehen”, setzte im vortouristischen Zeitalter  eine besondere Courage voraus, wenn nicht sogar Auflehnung und Mut, jener Rolle zu entgehen, die ihr die Gesellschaft zugewiesen hatte. Da sind nicht die Bade- und Städtefahrten der deutschen Klassik und Romantik gemeint oder die Rhein- und Romreisenden Engländerinnen, sondern diejenigen, die dem häuslichen Herd entflohen und wirklich das Weite suchten, getrieben von Abenteuerlust, Forscherdrang und Entdeckergeist. Frauen, die ihren geschlechtsspezifischen Wirkungsbereich verließen und viele Aspekte des damaligen Weiblichkeitsideals mißachteten.

1846 trat Ida Pfeiffer (1797-1858) als erste Frau eine Weltreise an, die sie ebenso detailliert wie nüchtern schildert. Alexander von Humboldt bescheinigte der willensstarken und hartnäckigen Wienerin “edle Ausdauer, liebenswürdige Einfachheit und die Wahrheit und Reinheit ihres Urteils”. Sechs Monate lebt Ida Pfeiffer unter Kopfjägern auf Borneo und bei Kannibalen auf Sumatra.

Für längere Zeit sind es dann die Frauen aus dem British Empire, die Geschichte machten. Originell, gebildet, emanzipiert, mitunter ein wenig überspannt, von Kopf bis Fuß Ladies und durchaus salonfähig in der Londoner Gesellschaft. So auch Isabella Bird (1831-1904), die in Männerkleidung mit einem zusammenklappbaren Bett durch Japan, Korea und China reist und noch 70-jährig zu Pferde Marokko besucht.

Oder die ehrgeizige und intelligente Gertrude Bell (1868-1926), die als eine der ersten weiblichen Studenten in Oxford erfolgreich abschließt, 1894 ihr erstes Buch “Persische Reisebilder” veröffentlicht, fünf Jahre später zu ihrer ersten Wüstenexpedition aufbricht und bald als außenpolitische Beraterin im Orient eine glänzende Karriere in der britischen Kolonialverwaltung macht.

In Freya Stark (1893-1993), schon zu Lebzeiten eine Legende, hatte sie eine ebenbürtige britische Nachfolgerin im arabischen Orient. Diese “Grand Old Lady” der reisenden und schreibenden Frauen, mit siebenundachtzig Jahren noch auf einem Maultier im Himalaya unterwegs, hat neunundzwanzig spannende Bücher voller Sensibilität hinterlassen.

Nicht im makellosen Safari-Anzug, sondern als buddhistische Pilgerin abenteuerlich gekleidet reiste die heute in ihrer französischen Heimat hoch geehrte Alexandra David-Neel (1868-1969) zwischen 1914 und 1924 in Tibet. Heute gibt es wohl kaum einen Himalaya-Reisenden, der ihre Bücher nicht gelesen hätte. 1895 noch Opernsängerin, ist sie später “vom heftigen Wunsch beseelt, ein kontemplatives Leben nach den Regeln des tibetischen Buddhismus zu führen”. Klöster in Birma, Japan und Korea sind die Etappen auf dem Pfade Buddhas. An ihrem 103. Geburtstag ließ A.David-Neel “vorsichtshalber” noch einmal ihren Paß verlängern…

Neben diesen besonders bekannt gewordenen reisenden und schreibenden Frauen stehen viele andere an Beherztheit und Originalität nicht nach. Etwa die Gräfin Ida von Hahn-Hahn oder die noch lebende Ella Maillart, Melitta Maschmann oder Vicki Baum.

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